Rauminstallation in der Hospitalkirche, Stuttgart, 2015

Aufbruch - Umbruch - Durchbruch

"damit wir klug werden"  die Losung des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag aus dem Psalm 90

 

Für Landesbischof Frank Otfried July steht die Losung für Unterbrechungen:  „Sie fordert uns auf, in unserem Leben, in den Routinen, im täglichen Hamsterrad und auf der Überholspur einen Gang – oder mehrere – zurückzuschalten. Uns und unser Leben zu befragen. Letztes und Vorletztes zu unterscheiden und deshalb auch vom Ende her, also im besten Sinne nachhaltig zu denken. Das ist ein großes Geschenk dieser Losung.“

 

Die Zeitläufte sind geprägt von Krieg, Terror, Zerstörung, Flucht, Umweltkatastrophen und sonstigen Schreckens-nachrichten. Wir haben den Eindruck, dass viele Menschen in ihrem Wohlstand den Blick für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens verloren haben. Im Spannungsfeld des Lebenskreislaufes - Werden und Vergehen - bewegt sich die Installation von creo vor und in der Hospitalkirche - mit diesen Gedanken zum Thema entstand das Konzept.

Aufbruch

Pfarrer Eberhard Schwarz, der zuständige Leiter der Citykirchen in Stuttgart, kam im Oktober 2014 auf creo zu mit der Anfrage, eine temporäre Rauminstallation für den 35. Evangelischen Kirchentag im Juni 2015 und darüber hinaus bis Oktober 2015 zu realisieren.


creo - kunst im raum entwickelte auf Basis der Vorgespräche ein Konzept für diese Rauminstallation an und in einem historischen Sakralbau. Es wurden Modelle und ein Konzeptbuch erstellt, das in einer Präsentation vorgestellt wurde. Die vorwiegend gotische Hospitalkirche in Stuttgart wird ab Oktober 2015 saniert und als Sakralraum für zeitgemäße Gottesdienste, die verstärkt auch kreative Ausdrucksformen einbeziehen, wieder eröffnet. Es soll eine „Kulturkirche“
als sakraler Raum für Gottesdienste, übergreifende Veranstaltungen und Konzerte entstehen.

 

Zentraler Ort der Installation ist ein Mauerdurchbruch in der Rückwand der Hospitalkirche. Er schafft eine Verbindung von Innen und Außen und ermöglicht ungewöhnliche Perspektiven. Im Inneren eines Systems verliert man oft den Blick für die Dinge außerhalb. Dieser essentielle Kontakt von Innen und Außen wird auf Grund des Durchbruches zwangsläufig hergestellt. Darüber hinaus macht er die Verbindungslinie Kreuz-Taufstein-Altar möglich. Auf dem Weg vom Werden zum Vergehen müssen wir immer wieder neu aufbrechen. Dies erfordert manchmal einen radikalen Umbruch.

Umbruch

Vom Außenkreuz an der Rückwand der Hospitalkirche sind vier „grüne Linien“ nach unten gezogen, die sich im  Taufstein vereinigen. Von dort bis zum Altar zieht sich eine grüne Linie als Lichtband durch den Schutt des Aufbruchs. Das Band verbindet Leben und Tod und die ständige Erneuerung. Eine leuchtende Hoffnungslinie. Auf der Altarplatte, die mit einer Blumenwiese begrünt ist, endet die Linie. Neues frisches Leben entspringt daraus.

Durchbruch

Im Sinne der gotischen Raumkonzeption, den Sakralraum „in den Himmel zu öffnen“, war es angedacht, die gotische Rippendecke der Hospitalkirche auszumalen um so die „Öffnungssimulation“ zu erreichen. Das Landesamt für Denkmalpflege hat diese Idee unterbunden und so wurde ein Deckensegel für das „Kirchenschiff“ aufgezogen. In den Rauten der Längsachse sind Symbole verschiedener Weltanschauungen positioniert. In einer multi-polaren Gesellschaft hat sich auch die „Himmels“vorstellung verändert und es gibt keine zentrale Glaubensbotschaft mehr.

Impressionen der Aufbautage

Loch in der Kirchenwand: Kunst schafft den Durchblick

ein Bericht von Janka Hegemeister (kirchentag.de)

"Die Hospitalkirche in der Stuttgarter Innenstadt beherbergt das Zentrum Kulturkirche. Auf dem Podium wird über den Wert der Kunst in unserer Gesellschaft diskutiert - und über die Wertschätzung der Künstlerinnen und Künstler. In der Kirchenwand ist ein Loch: Kirche öffnet sich, regt an und hinterlässt Spuren.

Erreichen Debatten über Kunst und Kultur denn überhaupt ihr Publikum auf dem Kirchentag? Ist die Konkurrenz der brisanten politischen Themen nicht zu groß? "Wir waren der erste Veranstaltungsort, der am Donnerstag die Schilder 'Halle überfüllt' ausgepackt hat!", berichtet Johanna Schatke stolz. Die Bremerin gehört dem Projektleitungsteam Zentrum Kulturkirche an. Zwölf Engagierte aus ganz Deutschland haben das diesjährige Konzept seit April 2014 erarbeitet und die Hospitalkirche als architektonischen Raum ausgewählt.

Das passte aus mehreren Gründen: Die Hospitalkirche gehört zu den etablierten Kulturkirchen der Stadt und steht Seit‘ an Seit‘ neben dem  Evangelischen Bildungszentrum der Stadt. Zudem sind bis zum Herbst 2016 umfassende Umbaumaßnahmen geplant. Bisher empfing die nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich rudimentär wiederaufgebaute Kirche ihre Gäste eng, dunkel und kühl. Das hat sich bereits zum Kirchentag geändert: Die Würzburger Künstlergruppe creo hat kurzerhand ein Loch in die Rückwand der Hospitalkirche gestemmt. Veränderungen brauchen Kraft, machen Dreck, was (ver)stört wird sichtbar.

 

Aufbruch erfordert Umbruch

Der Mauerdurchbruch ist der zentrale Ort der Installation "Aufbruch – Umbruch – Durchbruch". Er schafft eine Verbindung von Innen und Außen, er schafft Ein- und Aussicht. Eine grüne (Hoffnungs-)Linie führt vom Altar, durch die Maueröffnung raus bis in den Hof. Vier weitere grüne Linien vom Außenkreuz vereinigen sich nun mit der Altarlinie im historischen Taufstein (1806) im Innenhof. Aufbruch erfordert Umbruch.

Eberhard Schwarz, Pfarrer der Hospitalkirche und ebenfalls im Projektleitungsteam, ist begeistert, wie gut das Zentrum Kulturkirche angenommen wird. Das Publikum kommt zahlreich zu den Themenveranstaltungen und sitzt auf den Papphockern vor der Bühne. Auch das gehört zum Raumkonzept "Kirche öffnen": Die Bänke stehen für die Dauer der Installation im Innenhof. Sie bieten zufällig vorbeischauenden Gästen oder auch bei überfüllter Halle Platz und durch die offene Mauer lässt sich die Diskussion im inneren der Kirche ebenfalls verfolgen.

Kirche muss raus aus ihren dunklen Mauern. Sie muss gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen und Menschen bewegen. Anregen, Grenzen überwinden und neue Wege aufzeigen. Kirche kann das, findet auch Anne-Catherine Jüdes, ebenfalls im Projektleitungsteam und Referentin in der Kulturstiftung St. Matthäus. Die Berlinerin blickt jetzt schon auf das Jahr 2017, wenn das Zentrum Kulturkirche mit dem Kirchentag in Berlin zu Gast ist. "

Impressionen Veranstaltungen - Zentrum Kulturkirche und Kirchentag


Ein wichtiger Punkt in der Konzeption ist die Bespielung des Raumes. Der Besucher soll Stellung beziehen und zum Nachdenken angeregt werden. Vier Monate lang mit Beginn des Deutschen Evangelischen Kirchentags hat die Rauminstallation "gelebt" und "gearbeitet". Sie wurde bespielt und liebevoll von den fürsorgenden Helfern vor Ort betreut. Die vielen interessierten Besucher haben dort geschaut, gehört, gelesen, gebetet, gefeiert und diskutiert.

Nachklang

 

von Eberhard  Schwarz. Die Installation "Aufbruch - Umbruch - Durchbruch" der Würzburger Künstlergruppe creo - kunst im raum war ein Glücksfall ebenso für das Projekt "Kulturkirche" des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags wie für die Hospitalkirche als geistlichem Zentrum des "Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof und als einer der drei Stuttgarter Citykirchen.

Die formalen und ästhetischen Anforderungen an die Arbeit waren hoch: creo - kunst im raum sollte ein Raumkonzept für die unmittelbar vor der Sanierung stehende und in den sechziger Jahren nur im Chor wieder aufgebaute, ursprünglich dreischiffige spätgotische Hospitalkirche entwickeln, das einerseits die vor allem diskursiven, aber auch musikalischen und künstlerischen Veranstaltungen der Kulturkirche ästhetisch inspiriert und das gleichzeitig in seiner Selbstaussage so stark ist, dass es als eigenständiges Kunstwerk im Rahmen des Diskurses über Kunst Bestand hat. Andererseits sollte die Arbeit so unaufdringlich sein, dass der ohnehin platzmäßig kleine Kirchenraum in seiner technischen Nutzbarkeit für die Veranstaltungen des Kirchentags und der Gemeinde nicht beeinträchtigt würde.

 

Mit den drei zentralen Eingriffen in den Kirchenraum - dem Durchbruch der Westwand und der damit verbundenen Öffnung in den Innenhof, der ursprünglich Teil des historischen Kirchenschiffes war, mit dem grünen Lichtband, das der in ihren Proportionen "schwierigen" Kirche eine klare axiale Ausrichtung gab (vom Kreuz an der Außenwand bis hin zum begrünten Altar) und mit dem Deckensegel, das die Motive des historischen Netzgewölbes aufgriff und dieses mit den Symbolen der modernen Himmelskonzepte nach oben hin öffnete - hat creo - kunst im raum diese komplexen Herausforderungen meisterhaft gelöst.

Entstanden ist ein auch im metaphorischen Sinn ‚offener‘, durchbrochener Kirchenraum, der durch vier Monate hindurch das freisetzte, was gute Kunst ausmacht: die Öffnung eines ästhetischen und Denk-Raumes, der in vielerlei Hinsicht erlebbar und diskursiv auslotbar war und zugleich das Angebot eines Raumes, das so fokussiert, konzentriert, "verbindlich" war, dass dort Gottesdienst gefeiert, diskutiert, musiziert, getanzt und meditiert werden konnte, ohne dass sich die Selbstaussage des Kunstwerkes in den Hintergrund drängen ließ.

 

Die besondere Situation des Kirchentags und die während der vier Monate stattfindenden zahlreichen Veranstaltungen im Hospitalhof und in der Hospitalkirche haben der Installation viele Hundert Besucherinnen und Besucher beschert. Entsprechend zahlreich waren auch die Reaktionen und Feedbacks.

Allgemeines Staunen und durchweg positive Wahrnehmung fand der Installationsteil im Außenbereich der Kirche (Lichtband, Durchbruch), der je nach Tages- oder Nachtzeit, sei es im Sonnenlicht, sei es unter dem nächtlichen Himmel durch die LEDs, ein eindrucksvolles Lichtspiel bot, und der so den Innenhof in der Horizontalen und Vertikalen neu "ostete". Bemerkenswert auch, dass eine ganze Reihe von Besucherinnen und Besuchern sich den Durchbruch mit Baustellencharakter nicht nur als einen temporären sondern auch als einen festen Bestandteil der Kirche vorstellen konnten - ein Gedanke der häufig mit den aktuellen Herausforderungen von Kirche in unserer Gegenwart verbunden wurde: Kirche ist und bleibt in unserer Zeit eine "Baustelle", Kirche muss sich zur Welt hin öffnen.

Die markantesten Reaktionen bezogen sich auf das Deckensegel mit seinen unterschiedlichen weltanschaulichen Symbolen. Einerseits wurde immer wieder die Frage gestellt, was die Symbole des Kapitalismus, des Islam, des Buddhismus in einer christlichen Kirche verloren haben; andererseits wurde ausgehend von dem Deckensegel interpretiert, dass im Dialog, in der wechselseitigen Wahrnehmung und im wechselseitigen Respekt von Überzeugungen und Weltanschauungen das Christentum seinen Weg in die Zukunft unserer globalen Welt gehen könnte.

Eine ganz eigene Wirksamkeit entwickelte der begrünte Altar, der aus Mangel an natürlichem Licht eine Zeit leider nur sehr spärlich begrünt war, der aber dennoch stets als ein Ort des "Lebendigen" wahrgenommen wurde. Flankiert durch den ebenfalls im Chor der Hospitalkirche aufgebauten Ambo, den creo - kunst im raum ursprünglich für das Würzburger "Spitäle" erarbeitet hatte, wirkte die künstlerische Intervention am Altar keineswegs als eine Entfremdung des Altars als liturgischer "Prinzipalie" im Kirchenraum, sondern als eine originelle Neukonzeption, die in Wechselwirkung mit der historischen Kreuzigungsgruppe von Hans Seyffer eine große spirituelle Kraft hatte.

 

Neben den Reaktionen auf einzelne Aspekte der Installation sei auch erwähnt, dass die Installation als Gesamtkonzept hilfreich war für die Überlegungen zur Neugestaltung der Hospitalkirche im Zuge der Innensanierung, die im Oktober 2015 begonnen wurde. Ohne den anregenden Umgang von creo - kunst im raum mit der Raumsituation der Hospitalkirche wären zahlreiche Fragen für die zukünftige Nutzung der Kirche deutlich schwieriger zu beantworten gewesen. Mit anderen Worten: diese temporäre Installation hat geholfen, die Innensanierung konkreter, ästhetisch überzeugender, liturgisch klarer zu denken und zu planen. Dass dieser "Gewinn" auch mit der stets konstruktiven und menschlich sehr sympathischen Künstlergruppe zusammenhing, versteht sich von selbst. Es hat ganz einfach Spaß gemacht, mit den drei Künstlern zu reden, zu diskutieren, ihnen über die Schulter zu schauen, ihnen bei der einen oder anderen Handreichung zu assistieren - Letzteres sei besonders im Namen einiger Mitglieder unserer Kirchengemeinde gesagt, die große Freude an diesem Projekt auch in der Entstehungsphase hatten.

 

Mich selber hat im Lauf der vier Ausstellungsmonate von "Aufbruch - Umbruch - Durchbruch" ein Gedanke immer intensiver beschäftigt, der bereits in der theologischen und ästhetischen Debatte der Romantik um Religion verhandelt wurde.

Wenn dort im Sinne von Schleiermachers Reden über die Religion (1799) "Religion" als "Sinn und Geschmack fürs Unendliche" definiert wird und wenn in der Folge zum Beispiel Caspar David Friedrich die bis heute intakte und nicht zerstörte Jacobi-Kirche in Greifswald als Ruine darstellt (um 1815) und zur Illustration dieses Religionsverständnisses das Dach der Kirche gleichsam abbrechen und zum Himmel hin öffnen muss, damit es zur Anschauung des Universums und zu dem dieser Anschauung korrespondierenden Gefühl kommt - Religion also abgegrenzt von der Metaphysik und von der Moral und dem eigenständigen Vermögen der Anschauung und des Gefühls zugeordnet - , so scheint creo - kunst im raum hier einen anderen Weg zu gehen und vorzuschlagen. Wer heute das Kirchendach in diesem romantischen Sinne aufbricht, der wird auf viele Himmel, bestenfalls auf einen geteilten Himmel stoßen.

Die romantische Idee einer universalen Religiosität hätte hier keine Perspektive. Stattdessen führt die Installation von creo - kunst im raum in die horizontale, in die Ebene, auf der sich Mensch und Mensch begegnen, sie beginnt und sie endet beim Kreuz, beim Ort des leidenden Gottes, bei der Menschlichkeit und Zerbrechlichkeit Gottes. Und vielleicht, um diesen Gedanken noch etwas weiter zutreiben, vielleicht müsste die Kirche die allgemeine Frage nach der Religion nicht mit dem Blick in den Himmel lösen, indem sich ja doch wieder nur die Projektionen unserer eigenen individuellen Heilsvorstellungen finden, sondern im Blick auf den Menschen, auf die Konkretionen seiner Lebendigkeit, im Blick auf die Mitmenschlichkeit, auf seine Zerbrechlichkeit, auf seine Individualität, im Blick auf die Beziehungen, die entstehen, und die ja ihrerseits in ihrer Zerbrechlichkeit gewürdigt sind im Kreuz des Nazareners und in der dort verankerten Würde unserer Geschöpflichkeit.

 

An diesem Thema, so meine ich, lohnt es sich, ausgehend von der Arbeit von creo - kunst im raum weiter zu denken. Nicht nur theologisch, sondern auch künstlerisch, ästhetisch und im Blick auf die Gestaltung unserer Kirchenräume. In diesem Sinne: Danke – in alphabetischer Reihenfolge - an Matthias Engert, Kurt Grimm und an Christine Schätzlein für diese so gesehen nicht ‚temporäre‘, sondern sehr aktuelle künstlerische Arbeit.

 

Stuttgart, im November 2015. Pfarrer Eberhard Schwarz