Rauminstallation im SPITÄLE Würzburg, 2013

Das Spannungsverhältnis von Fanum und Profanum, von Transzendenz und Immanenz, ist ein ständiger Anreiz, sich den Kräften, die unser Leben und somit auch unsere Kultur und damit auch unsere Kunst bestimmen, zu stellen
bzw. nach ihnen zu fragen. Der so ausgelöste Prozess lässt sich in der Geschichte der Kunst ebenso entdecken wie im Frühjahr 2013 ganz konkret und örtlich in der Rauminstallation »Raumspiel KUNSTkirche« der Künstlergruppe
creo, in der Kunstgalerie »Spitäle« in Würzburg. Womit sie sich im Vorlauf der Installation auseinandersetzten und worauf sie ihr Augenmerk richteten, sind die Pole Fanum und Profanum, die den Mensch ständig neu zu einer Positionsbestimmung herausfordern. Deshalb möchte ich nun meinerseits der Frage nach dem Fanum in seinem Gegenüber zum Profanum nachgehen, gerade auch im Blick auf den sakralen Bereich. Denn die Installation wurde für eine ehemalige Kirche geschaffen und lässt sich von den kirchlichen Vorgaben für einen liturgischen Raum leiten.

(Jürgen Lenssen, Katalogbuch "Raumspiel KUNSTkirche", 2013)

 

Hat sich unser Gesellschaftsmodell doch in eine schwierige Gesamtsituation manövriert. Umgeben sind wir alle von massenhaften, wertlosen, Gegenständen. Diese „Wertlosigkeit“ neu bewerten, ihr sozusagen eine neue Dimension zu verleihen, sie in einen sakralen Zusammenhang zu bringen und damit den Kreis zur christlichen Botschaft zu schließen, ist ein Gedanke des Raumpiels KUNSTkirche. Wir bedienen uns dabei verschiedener ‚Zivilisationsgüter- und materialien’, weil wir damit den Bezug zum aktuellen Leben auch innerhalb der Kirche ausdrücken können. Wie definiert sich, Zivilisationsgut und -material’ im Zusammenhang mit dem Sakralen? Die Kirche selbst hat dazu beigetragen, die Menschen zu zivilisieren. Wie H.J. Kutzner so schön in seinem Buch „Liturgie als Performance“ formuliert: das ‚Material’ liefert das Leben, kann man diesen Satz umdrehen „Das Leben liefert das Material“. Wir benutzen also „Zivilisationsmüll“ für die Einrichtung eines sakralen Raumes. Auf den ersten Blick ungewöhnliche Materialien, um damit einen sakralen Raum zu installieren. Everyday materials, Alltagsgegenstände, die massenweise produziert werden und wertlos erscheinen, werden so kreativ umgeformt und in einen neuen Kontext gebracht. Durch die Benutzung dieser Materialien wird eine zeitgemäße in ihrem Anspruch moderne Verbindung zur Liturgie zum Ausdruck gebracht. Die christliche Botschaft bedeutet im Kern eine Besinnung auf wesentliche Dinge des Lebens.

Die Rauminstallation und ihre Objekte

 

Spuren

Gleich im Eingang findet der Besucher als erstes Installationsobjekt das Taufbecken, durch das er hindurchgehen muss. Dieses Objekt liegt auf dem Boden und zieht sich quer durch die gesamt Breite des Gebäudes. Im Becken liegt ein mit Wasser getränkter Filzbelag, der mit Fragmenten von Taufkleidern verfilzt ist. In allen Religionen ist das Wasser ein Symbol für Reinigung und Erneuerung. Die frühen Christen wurden mit dem ganzen Körper untergetaucht, um die komplette Erneuerung zu zeigen – der Beginn eines neuen Lebens.Durch das Betreten des Beckens werden sichtbare Wasserspuren hinterlassen, die den Lebenskreis aufzeigen. Geburt – Leben – Tod. Die Fußspuren der Besucher werden immer blasser, sie verlieren sich im Raum und lösen sich auf. Der Filz wird im Laufe der Zeit durch den ständigen Druck und die Bewegung der Füße eine Veränderung erfahren. Er wird immer dichter werden und dabei leicht schrumpfen.

 

Bänke

Im Raum fallen die fragmentartig aufgestellten Bänke auf. Der Stuhl  -  die Bank als Sitzgelegenheit ist ein in der westlichen Kultur stark verankerter Gegenstand. Gäste werden willkommen geheißen und ihnen wird ein Sitzplatz angeboten. Sei es nur zum Austausch im Gespräch oder zu einer gemeinsamen Mahlzeit. Auch für Familien ist das gemeinsame Beieinandersitzen elementarer Bestandteil des Zusammenlebens. Dies lässt sich direkt auf das sakrale/religiöse Beisammensein übertragen. Die Gemeinschaft findet sich und setzt sich für kultische/liturgische Handlungen zusammen. Es findet ein Austausch statt. Die Bänke in der Ausstellung sind Gabionenkörbe, die mit Altglasscherben gefüllt sind. Sie dienen als Sitzgelegenheit für die Besucher und die fest in der Ausstellung installierten Sitzskulpturen. Die Sitzskulpturen sind mit Knochenleim und Acrylharz geformte und konservierte ‚Altkleiderrücken’, in Anlehnung an die typischen ‚Schalensitze’ von Stühlen.Vor den ‚Bänken’ sind leere fragmentartige Beinhüllen und alte Schuhe platziert, als Symbol für die leeren Kirchenbänke.

 

Innen und Außen

Eine Live-Cam überträgt den Fußgängerüberweg an der Alten Mainbrücke vor dem Spitäle in Echtzeit auf eine der blinden Fensternischen. Die hektische Betriebsamkeit, das ständige Hin- und Her draußen und die Ruhe und scheinbare Geborgenheit im sakralen Raum. Eine Projektion für die Verbindung zwischen dem alltäglichen und dem religiösen Leben. Der „Blick nach draußen“ zeigt aber auch den oft fehlenden und verwehrten Blick auf den profanen Alltag. Genauso ist der Blick nach innen oft unmöglich oder nicht gewollt.Es verlangt nach neuen religiösen Impulsen für ein in der heutigen Gesellschaft gelebtes Leben in seiner Dynamik und schnellen Veränderlichkeit. So müssen beide Seiten voneinander profitieren können, sowohl das sakrale als auch das profane Leben innerhalb und außerhalb und in seiner Gemeinsamkeit.

 

Lichtblick

Transparenz bezeichnet die Linie zwischen dem „Außen und dem Innen“. Durch Licht und Farbe entsteht ein Zusammenspiel. Licht bewirkt die Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Vor einem der Fenster ist eine achtteilige Abhängung montiert. Gestaltete Glasfenster waren und sind in der sakralen Architektur wichtige Informationsträger von bildhaften Inhalten. Inhalt dieses ‚Fensters’ sind die Themen „Mensch – Natur – Ökologie – Schöpfung - Transzendenz“. Verschmolzene halb transparente Plastiktüten legen einen farbigen Hintergrund mit einer vordergründigen Textur von Elektrodrähten - eine symbolhafte Darstellung der modernen gewirkten Welt, die von einer Transzendenz durchwirkt ist. Der graue und dunkle Teil meint somit die menschliche Erfahrung, die ‚hardware’, die den Menschen täglich umgibt, – oft bedrohlich, unüberwindbar und undurchsichtig. Hinzu kommt das in Rot symbolisierte Wesen des Lebens, Blut als Lebenskraft und Heil bringende Menschwerdung. Die Farbe Grün steht für Natur und Schöpfung, im Einklang mit dem Menschen in dessen Obhut gestellt und die es gilt, zu bewahren und zu pflegen. Der Mensch braucht die Natur für seine Existenz. Im Licht transparenten Weiß spiegelt sich die göttliche Existenz in ihrer Transzendenz und Stärke, beharrlich und kraftvoll. Symbolhaft stehen die Drähte für Vernetzung und Verschaltung durch die globalen Einflüsse unserer modernen Zeit. Der Mensch sozialisiert sich heute anders als vor 20, 30 Jahren. Kommunikation durch Vernetzung und Verkabelung haben höchste Priorität in der Nachrichtenverteilung gewonnen.

 

Wort

Die inflationäre Wahrheit in Form des Wortes kommt heute durch die Medien zu uns. Sie wird minütlich per Twitter und Internet, stündlich per Fernsehen, und täglich in den Printmedien verkündet. Der Ambo aus Altpapier - die Wahrheit von gestern und vorgestern, schnell entsorgt und vergessen, durch neue Wahrheiten überlagert. Zeit innezuhalten und die Wahrheit zu prüfen und nachzudenken über das Wort.

 

Tisch

Der Altar, ein Ort der Eucharistie, dem gemeinsamen Mahl, ein Gedächtnisort, der mit der Gemeinde verwoben ist. In der anfänglichen christlichen Zeit konnte für die Eucharistiefeier jeder beliebige Tisch benutzt werden, doch bereits im 4. Jahrhundert wurde der Altar ein fester Bestandteil des christlichen Kultraumes. Nach modernem Liturgieverständnis steht der Altar beim Volk und somit mitten im Kirchenraum. Der „Altar der Erden“ ist in archaischer Form aufgemauert.  Er besteht aus ca. 200 PET-Flaschen, die mit Erde gefüllt sind. In der Mitte bildet rote Erde ein Kreuz. Die Erde stammt aus verschiedenen katholischen und evangelischen Gemeinden der Region als Zeichen der Gemeinschaft. Creo hat PET-Flaschen mit dieser gesammelten Erde befüllt, die Flaschen mit den Ortschaften beschriftet und sie dann zu einem Altar montiert. Erde als ein faszinierendes Material, das schon viele Künstler inspiriert hat. Die Erde versinnbildlicht den Ursprung und die Schöpfung, die Basis der Fruchtbarkeit, des Wachstums, und des Todes. Sinnbild für Werden und Vergehen. Wasser – ohne Wasser ist kein Leben möglich. Millionenfach wird dieses Lebens-elixier in PET-Flaschen gefüllt. Als Müll verpesten diese „Wasserträger“ Kontinente und Meere. Die Erde kommt aus verschiedenen katholischen und evangelischen Gemeinden. Sie ist Symbol für die Verbundenheit durch den gemeinsamen Glauben und das geistige Wachstum im gegenseitigen Austausch.

 

Heilig

In einer ehemaligen Figurennische seitlich vor der Apsis sind Fotos von lebenden Personen projiziert. Sie zeigen, dass jeder Mensch in sich das Heilige trägt. Heilige können unbequem, penetrant, nervtötend und beunruhigend sein. Sie stehen nicht auf dem Sockel sondern stellen unbequeme Fragen und stören das ruhige und satte Leben.

 

Schmerz und Leid

Der Gang durch den Raum führt weiter zu einer vierteiligen Arbeit, die sich mit dem Themengebiet Leiden und Schmerz beschäftigt. Hier geht es darum, diese meist abstrakten Themen nachvollziehbar und direkt darzustellen. Im Laufe der Ausstellung, durch Agitation und Performance, werden die Objekttafeln unter Einwirkung von Gewalt und Destruktion einer ständigen Veränderung unterworfen.

In Anlehnung an die Passionsgeschichte wird der Besucher mit Schmerz und Gewalt konfrontiert. Leiden, das mehr oder weniger emotionslos von außen wahrgenommen wird und mit dem man sich selbst mehr oder weniger identifiziert. Gewalt aus der Sicht des Täters, meist ohne Gefühlsnahme für das Opfer.

Der klassische Kreuzweg wird hier auf eine profane Ebene gebracht und bekommt somit eine weltlich dimensionierte Bedeutung. Überall auf der Welt geschieht Gewalt und Terror, Mord und Totschlag, Demütigung und Bloßstellung – und kein Ende in Sicht. Die Geschichte des Leidens und des Schmerzes schreibt sich ohne Einhalt immer fort.

 



Kreuzlinien

Das Kreuz wurde im Jahre 431 durch das Konzil von Ephesos als christliches Symbol eingeführt, es leitet sich von der Kreuzigung ab. Es ist DAS christliche Symbol für Tod und Auferstehung und steht für Frieden, Hoffnung und Erlösung. Die große Kreuzinstallation in der Apsis zeigt die Auflösung des Widerspruchs von Ohnmacht und Macht, die Gebrochenheit der menschlichen Existenz. Es schließt symbolisch den christlichen Lebenskreis. Die beiden aus der Horizontalen und Vertikalen herausgerissenen Kreuzbalken sind aus alten Grabkreuzen gefertigt und nicht miteinander verbunden. Die Nachnamen der Verstorbenen sind ausradiert, so dass nur noch die Vornamen und die Geburts- und Sterbedaten sichtbar sind. Werden und Vergehen.

 

alle Textauszüge aus dem Katalog "Raumspiel KUNSTkirche", 2013, pagma-Verlag Nürnberg

Bespielung des Raumes

 

Die Belebung des temporären sakralen Raumes durch Veranstaltungen war ein wichtiger Aspekt des

Raumspiels KUNSTkirche. Dabei ist ein abwechslungsreiches und interessantes Programm in

Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen entstanden.

Tranquillissimo

Die uraufgeführte Tanzperformance unter der Choreofgrafie von Ivan Alboresi mit der Tänzerin Eun Kyung Chung und dem Tänzer Felipe Soares Cavalcante in Begleitung der Sopranistin Silke Evers und Ulrich Pakusch an der Orgel bildete einen phänomenalen Schlussakzent. Mit einer Bilderprojektion wurde die Darbietung eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Ausgangspunkt war der Text zu dem Titel gebenden II. Satz von Henryk Mikolaj Górecki‘s 3. Symphonie: an der Wand einer Zelle des Gestapo-Gefängnisses im Polnischen Zakopane, hinterließ die 18-jährige Helena Wanda Blazusiakówna 1944 das folgende Gebet:

'Nein, Mutter, weine nicht, keuscheste Königin des Himmels, Hilf mir immer. Ave Maria.'

Das Pas de Deux fokussiert ganz auf den Moment des Erkennens einer großen Tragödie, eines schweren Verlustes und die widerstreitenden Emotionen der Beteiligten. Trauer, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung über Verlust und Zerstörung werden visualisiert und in Bewegung übersetzt, die Grenzen der Zeit scheinen aufgehoben, der Augenblick wird zur unentrinnbaren, andauernden Gegenwart. Allein der unauslöschliche Funke der Hoffnung, der Glaube an die Erlösung ermöglicht das Unerträgliche zu ertragen und vielleicht gar zu überwinden.  (Ivan Alboresi)

Das Kunstprojekt erhielt sowohl finanzielle als auch ideelle Unterstützung aus dem Kulturfonds Bayern, von der Sparkassenstiftung Würzburg, der Stadt Würzburg, der Evangelische BürgerStiftung im Dekanat Würzburg, dem Bezirk Unterfranken und dem Kunstreferat der Diözese Würzburg.

Die Künstlergruppe creo bedankt sich sehr herzlich bei allen Beteiligten, die durch ihre aktive Mithilfe zum Gelingen des Projektes beigetragen haben. Ein besonderer Dank geht an die Sponsoren und Förderer.